Jonny Fischer Buch: Ich bin auch Jonathan
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Biografie

Jonny Fischer: «Es spricht Vieles gegen dieses Buch, für mich ist es ein zweites Outing»

In seiner Biografie erzählt Jonny Fischer von Divertimento detailliert aus seinem Leben. Er erzählt von seinem Vater, der ein Sektenführer war, von Sexualität, Einsamkeit und der Einweisung in eine Klinik. Wir haben mit ihm über all das gesprochen.

Jonny Fischer ist bekannt als Teil des Kabarett-Duos Divertimento. Gemeinsam mit Bühnenpartner Manu Burkhart steht der 41-Jährige für eine gute Zeit. In seiner Biografie «Ich bin auch Jonathan», zeigt er eine andere Seite seines Lebens. Er erzählt erschreckend detailliert von einer Kindheit in einer radikalen Glaubensgemeinschaft, die seine streng christlichen Eltern gründeten. Von seinem inneren Kampf mit der Homosexualität. Von Einsamkeit, Alkohol und der Hilfesuche in einer Klinik. Der Jonny, den man aus dem Fernsehen kennt, gerät in den Hintergrund. Es geht um Jonathan, der vom Vater geschlagen wird und einfach nur dazu gehören will.

Im Buch merkt man, dass du auch mit dir selber kämpfst und nicht weisst, ob das alles in die Öffentlichkeit gehört. Wie stark musstest du dich überwinden?

Sehr stark. Bereits im Vertrag mit Angela Lembo-Achtnich (Autorin) war festgehalten, dass ich bis im Juni 2021 entscheiden kann, ob das Buch wirklich gemacht wird. Sonst hätte ich sie einfach bezahlt wie eine Psychologin, sogar der Stundentarif war bereits ausgemacht. Es spricht Vieles gegen dieses Buch. Für mich ist es ein zweites Outing. Die Leute können über mein Leben urteilen. Das muss man sich nicht antun.

Wieso tust du es denn jetzt doch?

Wir haben das Buch zehn Leuten zum Lesen gegeben. Alle haben komplett unterschiedlich reagiert, aber bei jedem hat es irgendetwas ausgelöst. Jeder hat angefangen, über das eigene Leben nachzudenken. Diese Tatsache habe ich als Berechtigung genommen, das Buch trotzdem zu veröffentlichen.

«Für mich ist das Buch wie ein zweites Outing»
16. September 2021 - 12:23

«Für mich ist das Buch wie ein zweites Outing»

Jonny Fischer

Dein Vater war das Oberhaupt einer extremen christlichen Glaubensgemeinschaft. Du erzählst im Buch von seinen Schlägen und der psychologischen Misshandlung. Wie hast du als Kind die Kraft aufgebracht, dich gegen diese Weltansichten zu stellen und mit 15 Jahren auszutreten?

Ich weiss es nicht. Wir haben für das Buch mit Sektenexperten gesprochen und sie können es sich auch nicht erklären. In meinem Leben gab es ja nur diese eine Perspektive, für mich gab es nur das Leben in der Gemeinschaft. Mir war klar, dass ich durch den Austritt alles verlieren könnte. Ich hatte aber immer ein Streben danach, abgrundtief ehrlich zu sein. Zu mir selber und zu meinem Gegenüber. Das hat schon zu grossen Konflikten und auch Trennungen geführt. In dieser Zeit hat es mir aber definitiv geholfen.

Wie war es für dich, wieder in deine Kindheit zu tauchen und Jonathan wieder zu erleben?

Das war der schwierigste Teil. Ich erzähle nicht nur meine Geschichte, sondern auch die meiner Familie. Weiter sind die Erinnerungen bereits etwas verwässert und die Kindheit war sicherlich die prägendste Zeit. Heute kann ich es aber lesen, ohne emotional zu werden. Das bedeutet für mich, dass es okay ist.

Hat deine Familie das Buch gelesen?

Meine Mutter kommt im Buch zu Wort. Sie hat natürlich auch alles gelesen. Für eine Mutter ist es hart, so etwas zu lesen. Es führt ihr nicht nur vor Augen, dass ihr Sohn eine unglücklichere Kindheit durchgemacht hat, als was sie sich erhofft hat. Sondern erzählt auch Geschichten, wo sie als Mutter keine gute Figur macht. Ich finde es gross von ihr, dass ich es so veröffentlichen darf. Meine Geschwister haben es noch nicht gelesen, da bin ich auf Reaktionen gespannt.

«Die Reaktionen sind sehr berührend»
16. September 2021 - 12:23

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Jonny Fischer

Der nächste grosse Schritt war der Auszug von zu Hause ins Lehrerinternat, wo du bewusst Jonathan hinter dir gelassen hast und zu Jonny wurdest.

Genau, damals war ich mit 17 Jahren endlich auch alt genug für diesen Schritt. Meine Jugend bis dahin habe ich als enorm schwierig empfunden. Denn aufgrund des Lebens meiner Eltern war ich immer anders als alle anderen. Ich wollte einfach nur dazugehören und habe alles verändert: Kleider, Frisur bis hin zum Namen. Für mich war es eine Chance, mein Bild nach aussen zu ändern.

In dieser Zeit hast du auch zum ersten Mal mit der Sexualität experimentiert, was Jahre später zu deinem Outing führte. Ist es für Homosexuelle heute einfacher?

Ich denke nicht, dass das Outing an sich einfacher geworden ist. Schlussendlich ist es immer schwer, wenn man anders ist als die grosse Masse. Der Mensch will dazugehören, das ist unkompliziert und einfach. Erst nach einem langen Prozess kann man sich über die eigene Einzigartigkeit freuen und dazu stehen.Heute kennt wenigstens jeder jemanden, der schwul oder lesbisch ist. Bis ich 22 Jahre alt war, habe ich keine schwule Person gekannt. Die einzigen Menschen, die schwul waren, waren alte Männer, die Lederkostüme trugen und behaart waren. Das fand ich grusig und da wollte ich nicht dazugehören.

Im Internat bist du auch auf Manu gestossen und Divertimento hat angefangen, die Leute zu begeistern. Für dich wurde aber mit dem Erfolg ein Gefühl der Einsamkeit grösser, was dazu geführt hat, dass du dich selber in eine Klinik eingewiesen hast. Was hast du daraus mitgenommen?

Ich habe endlich angefangen, mich selber zu mögen. Mit 32 Jahren war ich zum ersten Mal zufrieden mit mir selber. Fälschlicherweise meinte ich, dass ich diese Liebe, die ich mir nicht geben wollte, im Aussen holen kann. Am Anfang müssen 100 Leute klatschen, dann 1000 und zusätzlich muss das gesamte Umfeld mich super finden. Ich habe nur noch dafür gespielt, dass die Leute mich super finden.

Hat sich dieses Verhältnis zu der Bühne verändert?

Ja, es hat sich gewaltig verändert. Bereits vor neun Jahren fand eine Veränderung statt, doch in den letzten Jahren kam es wieder zu einer Verschiebung. Heute gehe ich alles viel lockerer an. Ich versuche zwar, alles zu geben, was ich kann, damit die Show gut wird. Danach kann ich es jetzt aber auch gut sein lassen und abhaken.

Wusste Manu in dieser Zeit von deiner Krise?

Wir haben das getrennt. Wir waren an verschiedenen Punkten im Leben und so konnte ich nicht mit ihm reden. Auch vor dem Klinik-Eintritt wusste er nichts davon. Es wäre für ihn unmöglich gewesen, mit mir aufzutreten und das Kalb zu machen, wenn er gewusst hätte, wie es mir geht.

Im Buch bist du erschreckend ehrlich und somit auch verletzlich. Könnte das für Divertimento auch zum Problem werden?

Ich musste es mit Manu besprechen. Wir haben uns gefragt, ob es die Reaktion der Leute auf mich verändert. Sie könnten ja plötzlich denken, dass ich ein armer Typ bin und mich bemitleiden. Das kann durchaus sein. Schlussendlich kann ich nur zu mir und zu meiner Geschichte stehen. Diese ist definitiv nicht immer rund, ich nehme mich auch nicht in Schutz. Im Buch stehe ich oft scheisse da. Ich habe Dinge zu meinem Mann und zu Manu gesagt, die menschenverachtend sind. Ich habe sie angeschrien. Aber das Buch soll ungefiltert mein Leben zeigen und diese Momente gehören leider dazu. Ich wollte etwas Intimes schaffen und nicht einfach die Hosen runterlassen.

Nach dem Schreiben des Buches, was bleibt dir besonders?

Ich habe einmal mehr festgestellt, dass es nur darum geht, mit sich selber zufrieden zu sein. Wenn du mit dir im Reinen bist, dann ergibt sich plötzlich alles um dich herum. Es ist unglaublich schwierig, aber du musst versuchen, dich selber einen «geilen Siech» zu finden. Natürlich gehört Realismus dazu.
Interview: FM1Today

«Mein Leben hat sich die letzten drei Jahre aufgrund dieser Arbeit sehr verändert»
16. September 2021 - 12:25

«Mein Leben hat sich die letzten drei Jahre aufgrund dieser Arbeit sehr verändert»

Jonny Fischer

Quelle: Radio 32
veröffentlicht: 16. September 2021 08:13
aktualisiert: 16. September 2021 12:56