Frau «oben-ohne» am Strand
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Busen-Freipass

Frauen sollen oben-ohne «sünnelen» und planschen dürfen

Seit diesem Monat dürfen in Göttingen (D) Frauen mit nackten Busen in die öffentlichen Frei- und Hallenbädern. Zumindest versuchsweise an den Wochenenden. Nun werden hierzulande Stimmen laut, die dem Beispiel aus Deutschland folgen wollen.

Will Frau sich oben-ohne sonnen, oder auch ohne Bikinoberteil baden, müssen sich weibliche Personen immer noch einen speziellen Ort dafür suchen, oder sich so unauffällig wie möglich dem Stoff entledigen. SP-Nationalrätin Tamara Funiciello findet: «Es ist problematisch, dass die weibliche Brust bis heute so dermassen sexualisiert wird», schreibt «20 Minuten». Die Politikerin schlägt deshalb vor, es dem deutschen Ort Göttingen gleich zu tun. Dort dürfen weibliche Personen das Stoffdreieck, wenn sie dies wünschen, weglassen. Zumindest versuchsweise an den Wochenenden.

Hausverbot für non-binäre Person

Auslöser für die Diskussion war die Wegweisung und das Aussprechen eines Hausverbots gegenüber einer nonbinären Person, die ihr Bikini-Oberteil ausgezogen hatte. Einen solchen Brust-Freipass wünscht sich Funiciello auch für die Schweiz und zwar immer – nicht nur an den Wochenenden. Sie spricht die Problematik an, wie sehr die weibliche Brust immer noch sexualisiert werde, sodass sich Frauen sogar unwohl fühlen würden, wenn sie in der Öffentlichkeit stillen würden. Auch Agota Lavoyer spricht sich für eine Enttabuisierung und gegen die Unterscheidung von weiblicher und männlicher Brust aus. «Wenn Männer sich an entblössten weiblichen Oberkörpern stören, ist das ihr Problem», sagt die Expertin für sexualisierte Gewalt.

Badi-Chef ist gegen Busen-Freipass

Nicht befürworten kann eine solche Regelung Martin Enz, Geschäftsführer des Verbands Hallen- und Freibäder. «Falls auf der Liegewiese eine Person diskret das Bikini-Oberteil fallen lässt und sich nicht ausstellt, wird das in den meisten Freibädern akzeptiert», sagt er. Weiter ist er der Meinung, dass «eher Männer, die spannen und gaffen», ein Problem seien. «Die müssen wir manchmal aus der Badi verweisen oder sogar mit einem Hausverbot belegen», so Enz weiter.

Keine Argumentation für die heutige Zeit

Dass das kein Grund sein kann, Oben-ohne zu verbieten oder nur zu tolerieren, statt ausdrücklich zu erlauben, findet neben Lavoyer auch Funiciello. «Man kann nicht von den Frauen verlangen, dass sie zu ihrem eigenen Schutz gewisse Kleider anziehen, weil sich die Männer nicht im Griff haben. Mit dieser Argumentation kann man heute schlicht nicht mehr kommen», so die Politikerin.

Von der Fachstelle für Gleichstellung klingt es ähnlich auf Anfrage von CH Media. «Aus der Sicht der Gleichstellung ist es klar, dass für alle Menschen die gleichen Regeln gelten sollen», sagt Helena Trachsel. «Es ist auch so, dass das bei Männern nie ein Thema ist. Dann können wir doch das alle gleich machen», so Trachsel weiter und bezeichnet einen solchen Entscheid auch als den nächsten Schritt der Emanzipation. Also, dass man Menschen anschauen könne ohne zu denken «Wow das ist sexy», oder «die ist ja flach», sagt die Fachfrau.

Ohne Reibung nicht möglich

Sie habe auch schon Männer beraten, die das Gefühl hatten von Frauen belästigt oder niedergemacht zu werden, weil sie nicht «den Body haben, den man sich vorstellt», erklärt sie weiter. Trotzdem sei das ein tiefgreifender Kulturwandel und das gehe nicht ohne Reibung. Dass gestarrt werde, müssten die Personen, die sich oben ohne zeigen, aushalten. Ohne Schwierigkeiten werde es nicht gehen. Die Badis und die Sicherheitsleute müssten aber ihren Beitrag dazu leisten und dann sei ein solcher Wandel auch möglich.

Angesprochen auf mögliche sexuelle Belästigung oder sogar Gefahren für die betroffenen Personen, argumentiert Trachsel, dass ein solches Gesetz sogar hilfreich sein könnte. Sie vertritt die Meinung, dass, wenn jemand den Mut habe sich so zu zeigen, man auch den Mut habe die Personen in die Schranken zu weisen. «Sexuelle Belästigung passiert auch bekleidet oder am Arbeitsplatz. Wenn Brüste ent-sexualisiert werden, sollte sich die Kultur auch verändern. Dahingehend, dass das kein Hingucker mehr ist und auch keine Einladung», ist sich Trachsel sicher. Man müsse diese Spirale von Übergriffen unterbrechen.

Quelle: ZüriToday & Radio 32
veröffentlicht: 6. Mai 2022 09:44
aktualisiert: 6. Mai 2022 09:44