Frontmann von «Lauwarm»

«Ein Strafverfahren bringt die Fronten gegeneinander auf»

Dominik Plumettaz, Sänger der Band «Lauwarm», hält vom eröffneten Strafverfahren nach dem abgebrochenen Konzert in der Brasserie Lorraine nicht viel. Dieses spalte nur.

Herr Plumettaz, Sie und Ihre Band mussten Ihr Konzert in der Brasserie Lorraine abbrechen, weil sich Besucher angeblich an ‹kultureller Aneignung› störten. Nun hat die Staatsanwaltschaft des Kantons Bern ein Strafverfahren gegen unbekannte Täterschaft wegen Rassendiskriminierung eröffnet. Unterstützen Sie das?

Grundsätzlich halte ich nicht viel davon. In meinen Augen ist ein Strafverfahren sicher nicht der richtige Weg, um gegen den Konzertabbruch vorzugehen. Damit spaltet man einzig und bringt die Fronten gegeneinander auf.

Die Junge SVP, die die Strafanzeige eingereicht hat, bezeichnet das abgebrochene Konzert als massive Demütigung wie auch Herabwürdigung der Mitglieder Ihrer Band alleine aufgrund der Rasse und Ethnie. Irrt sich die Partei?

Natürlich ist es nicht schön, wenn ein solches Konzert abgebrochen wird. Aber wir können uns grundsätzlich auch selber wehren. Der Jungen SVP scheint es mit der Strafanzeige auch mehr um Wahlkampf zu gehen als um die Sache selbst. Hätten wir Interesse an einer Anzeige gehabt, hätten wir dies auch selbst tun können.

Warum sahen Sie davon ab?

Eine Anzeige kam für uns gar nicht infrage. Die Leute, die sich an unserem Auftritt gestört haben, sind Menschen, die eine Meinung haben dürfen. Natürlich ist es nicht schön, wenn das Konzert abgebrochen wird. Ich finde, dass dies thematisiert werden muss, damit sowas nicht mehr passiert. Wir sind aber der Meinung, dass eine Anzeige nicht der richtige Weg ist.

Welcher wäre der richtige Weg?

Durch die mediale Präsenz, die das Thema kulturelle Aneignung bekommen hat, ist die Diskussion emotional aufgeladen. Das führt zu keinem Ziel, sodass es schwierig ist, eine richtige Richtung einzuschlagen. Ich glaube auch nicht, dass unser Konzertabbruch einen Dominoeffekt auslöst und jetzt reihenweise Konzerte wegen kultureller Aneignung abgeblasen werden.

Kurze Zeit nach Ihrem Vorfall doppelte aber eine Zürcher Bar nach und lud einen Musiker aus, weil er als Weisser Dreadlocks trug. Zudem hat der Ravensburger Verlag vor wenigen Tagen das Buch «Der junge Häuptling Winnetou» aus dem Handel genommen.

Je mehr man den Stimmen, die kulturelle Aneignung vorwerfen, Beachtung schenkt, desto tiefer ist die Schwelle, solche Konzerte abzubrechen.

Meinen Sie demnach, man sollte diese Stimmen ignorieren und einfach weiterspielen?

Nicht ignorieren, sondern sie ernst nehmen, aber nicht das Konzert abbrechen. Man kann den Diskurs nach dem Konzert führen – und zwar einen sachlichen. Ansonsten wird der Krieg über Zweite ausgetragen, was nie zu einer konstruktiven Schlussbilanz führt. Hätte man mit den People of Colour, die von den Konzertbesuchern ja vertreten wurden, gesprochen, wäre es vielleicht anders herausgekommen.

Wie?

Das Konzert wäre wahrscheinlich gar nicht abgebrochen worden. Wir haben viele Feedbacks von schwarzen Menschen bekommen, die fanden, unser Auftritt habe nichts mit Rassismus zu tun. Sie fühlen sich sehr geschätzt dadurch, dass wir ihre Messsage mit unserer Musik weitertragen. Sie waren auch der Meinung, dass die ganze Diskussion um kulturelle Aneignung zu mehr Rassismus führe, als das Problem zu lösen.

Was raten Sie weissen Menschen mit Dreadlocks?

Meine Message an alle, die jetzt unsicher sind, weil sie Rastas tragen, lautet: Bleibt euch selber treu, beschäftigt euch mit der Kultur, von der ihr euch inspirieren lasst und respektiert die Kultur, aber schneidet euch die Haare nicht ab!

*Dominik Plumettaz ist Frontmann der Berner Band «Lauwarm».

Quelle: Today-Zentralredaktion
veröffentlicht: 25. August 2022 09:29
aktualisiert: 25. August 2022 09:29